Chemnitz investigativ: General Olbricht aufgedeckt

Am 10. Februar 2021 tagte der Stadtrat Chemnitz unter anderem zum Tagesordnungspunkt „Benennung einer Straße in Chemnitz nach General Friedrich Olbricht“. Die PARTEI Chemnitz hat recherchiert, und Paul T. Vogel, OB a.P. hat für eine Lösung für alle im Stadtrat gesorgt.

Pressemitteilung
Inhaltliche Aufbereitung
Quellen

Geheimer Informant Olbricht
Geheimer Informant Olbricht

Pressemitteilung

Viele Wege führen nach Polen – Paul T. Vogel, OB a.P., weiht ulica General Olbricht ein

Chemnitz. Die PARTEI Chemnitz verkündet eine Lösung für die im Stadtrat, am 10.02.2021, geführte Debatte zur Petition, General Olbricht in das Straßenregister der Stadt Chemnitz einzugliedern. Während die Fraktionen CDU und SPD sich noch in der Verehrung eines vermeintlich ehrenhaften Hitler-Attentäters überschlagen, hat Die PARTEI Chemnitz es auf sich genommen, dem peinlichen Spektakel ein schnelles Ende zu setzen und alle zu beglücken: Am Mittwoch, 5:45Uhr, weihte Paul T. Vogel, außerparlamentarischer Oberbürgermeister, feierlich die ulica General Olbricht ein.

Obgleich sich die Fraktionen der SPD und CDU damit begnügen, Olbricht als Mitverschwörer am Attentat vom 20. Juli 1944 hochzuloben, möchte Die PARTEI Chemnitz noch weitere seiner großen Verdienste ins Rampenlicht stellen: Schon im Ersten Weltkrieg sammelte Olbricht mit Feuereifer einen Militärorden nach dem anderen. Mit dieser Auszeichnung wurde er nach dem Ersten Weltkrieg ohne Problemne die nahtlose in die Reichswehr übernommen. Als überzeugter preußischer Nationalist ließ er es sich dann nicht nehmen, 1939 persönlich als Kommandeur der 24. Infanteriedivision Dresden in Polen einzumarschieren und der heutigen Chemnitzer Partnerstadt Łódź wärmste Grüße zu übermitteln. Dafür erhielt er prompt den nächsten Orden am Revers. Mit absehbarem Niedergang des kürzesten 1000-jährigen Reiches, akzeptierte Olbricht phlegmatisch eine Teilnahme am Widerstand. Die Teilnahme kann ihm dabei als nicht erfolgreich bescheinigt werden. Er nutzte seinen hart erkämpften und bequemen Posten im faschistischen Regime und verhinderte dabei in vollendeter Inkompetenz den potentiellen Umsturz. Abschlussurteil: mangelhaft.

Besonders hervor stach in der ahistorischen Debatte der leidenschaftliche Homofeind Kai aka Abnormalitäten Hähner (CDU) mit der Forderung, geschichtliche Kleindiskussionen gefälligst aus differenzierten Aufarbeitungsprozessen raus zu halten. Ein typisches und sinnbildliches Verhalten der Ratsfraktion CDU meint Stadtrat Cedel (Die PARTEI) und weiter: „Ob sie es mir glauben oder nicht, aber tatsächliche Auseinandersetzungen mit Themen gesellschaftlicher Bedeutung finden schlicht nicht statt bei denen.“Die SPD-Fraktion hätte sich am liebsten der Entscheidung entzogen und die Auseinandersetzung mit der Geschichte in ein Fachgremium abgeschoben. Mehr als einen Wikipediaartikel zu lesen scheint es der SPD nicht wert, sich historisch differenziert mit Petitionen bzgl. des Naziregimes zu befassen. Fachlich traut mensch sich das Lesen und Recherchieren scheinbar nur rudimentär zu. Frau Bombien (SPD) zerreißt es bei der selbstauferlegten Qual der Wahl schier das Herz: Folgt man dem Stadtratsbeschluss, vornehmlich Frauen bei der Straßenbenennung zu berücksichtigen, oder soll man doch mal lieber den Weltkriegsgeneral ehren? Ihren Redebeitrag später ist die Entscheidung gefallen: Frauenförderung gbt es genug, jetzt sind endlich mal wieder die toten weißen Männer dran!

Darum wissend, wie schwer es sein kann, zu entscheiden, ob man historische Fakten verbiegt oder ernst nimmt, schreitet Paul T. Vogel, außerparlamentarischer Oberbürgermeister der Stadt Chemnitz, dem Stadtrat tatkräftig zur Seite. „In Anerkennung seiner größten Leistungen, dem erfolgreichen Widerstand gegen Polen und der erfolgreichen Teilnahme am Angriffskrieg, ist es meine nationalistische Pflicht, General Olbricht die Sackgasse ulica General Olbricht Richtung Polen zu widmen“, so Paul T. Vogel, OB aP., und gibt ihm den Platz im Chemnitzer Stadtbild, den er verdient. Vogel schließt mit den Worten: „Viele Grüße gehen an Łódź!“

Inhaltliche Aufarbeitung zur Person

Als Kommandeur der 24. Infanterie-Devision war er maßgeblich am Überfall auf Polen beteiligt. Seine Division stieß Richtung unserer Partnerstadt Łódź vor. Dabei war die Division Teil der Entscheidungsschlacht an der Bzura. Polnische Verbände versuchten hinter die Linien zu gelangen, wurden aber massiv eingekesselt. 170.000 Soldaten gerieten in deutsche Kriegsgefangenschaft und unzählige Pol_innen verloren ihr Leben. Vom Treiben der Wehrmacht in den besetzten Gebieten ganz zu schweigen.

Als Leiter des Allgemeinen Heeresamts trug er die Verantwortung für den gesamten materiellen und personellen Ersatz der Landstreitkräfte und die Führung der Zentralnachrichtenstelle der Wehrmacht. An dieser essenziellen Schaltstelle ist nichts darüber bekannt, dass es durch ihn zu Verfehlungen / Widerstandshandlungen oder gar sabotierenden Aktionen gekommen ist. Auch ist es wohl zweifellos, dass Olbricht über die menschlichen Abgründe und den industriellen Massenmord genauestens Bescheid wusste. Wenn nicht durch eigenes Wissen, dann zumindest durch enge Zusammenarbeit mit anderen Aktiven im Widerstand (z.B. Henning von Tresckow), die nachgewiesen von den Kriegsverbrechen und Gräueltaten des Nazi-Regimes wussten und mit in der Befehlskette standen [3]. Dass sich seine Widerstandsbestrebungen aus diesem Wissen heraus geschehen, lässt sich aus keiner Quelle ableiten.

Die Frage, die sich daraus stellt: Ist eine Heroisierung gerechtfertigt?!

Dazu Hannah Arendt zur Verklärung der Nachkriegszeit:
„Sie folgten keinem Idealismus, auch nicht dem falschesten. Sie waren Getriebene, zutiefst unsichere und unselbstständige Charaktere, die an gar nichts glaubten. Nicht brutaler Voluntarismus oder imperialistischer Ehrgeiz, sondern Gedankenlosigkeit und moralische Indifferenz degradierten sie zu den willenlosen Vollstreckern der Unmenschlichkeit.“ [4]

Olbricht scheint durchaus kein glühender Anhänger der Führung gewesen zu sein. Dass er vereinzelt Vorgehen hinterfragt oder sich für Opfer einsetzt, ist nachzulesen – dass der Einsatz sich anscheinend auf Personen in seinem militärischen Umfeld beschränkt, ist ebenfalls belegt [5]. Werten muss man hier allerdings auch unumstößlich, dass seine Handlungen jahrelang entscheidend strukturell die Kriegsbemühungen unterstützten. In wichtigen Schaltpositionen erfüllte er gewissenhaft seine ihm übertragenen Aufgaben, was nicht zuletzt die erhaltenen Auszeichnungen deutlich zeigen. Seine Zweifel scheinen, im Besonderen an der Führungsriege, eher darin begründet, die militärischen Vorhaben in ihrer Umsetzung zu missbilligen. Die Befürchtung einer Kriegsschmach à la Versailler Vertrag und Unzufriedenheit mit der militärischen Führung von Hitler scheinen, wie bei einigen anderen, die den Umsturz mit planten, deutlich eher die treibende Kraft hinter seinen Widerstandshandlungen zu sein, als etwaige humanitäre Missbilligungen [6]. Und dass er oder zumindest mit ihm eng zusammen arbeitende Aktive im Widerstand (z.B. Henning von Tresckow) von den Kriegsverbrechen und Gräueltaten des Nazi-Regimes wussten und mit in der Befehlskette standen, ist nachgewiesen [3]. Die Differenzierung zwischen der Schwere der Verbrechen schien auch durchaus von einem nationalistischen Einfluss geprägt, der in Olbrichts Offiziersgeneration schon durch sein Mitwirken in der Reichswehr sozialisiert wurde [7] [8].

Seine Handlungen und Mitarbeit für das Regime zu relativieren würde allenfalls das Narrativ des Befehlsausführenden bedienen und seiner tatsächlich strukturell wichtigen Rolle nicht gerecht werden. Trotz seiner strategisch durchaus wichtigen militärischen Position, ohne die ein Umsturz nicht durchführbar gewesen wäre, ist nicht von der Hand zu weisen, dass er sich sowohl im Dritten Reich als auch schon nach dem Ersten Weltkrieg diesen Rang erarbeitet hat.

Auch die Linke im Bundestag bemüht sich um eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Widerstandskämpfer_innen des 20. Juli:
„Um Demokraten oder lupenreine Widerstandskämpfer handelte es sich bei den aus dem militärischen Widerstand stammenden Regimegegnern des 20. Juli nicht. Im Gegenteil, etliche unterstützten Hitler anfangs und die wenigsten hatten das Ziel zur parlamentarischen Demokratie der Weimarer Republik zurückzukehren.” [9]

Olbrichts letzte Worte lauteten:
„Ich weiß mit Sicherheit, dass wir alle … in einer schon verzweifelten Situation das Letzte gewagt haben, um Deutschland vor dem völligen Untergang zu bewahren. Ich bin überzeugt, dass unsere Nachwelt das einst erkennen und begreifen wird.“ [10]

Diese Worte erinnern eher an zutiefst geprägte nationalistische Motive und militärische Kritik und bestätigen nur den Eindruck aus seiner Vita.

Olbricht selbst wirkte in seiner Beteiligung eher phlegmatisch und wurde durch persönlichen Einfluss Tresckows erst wieder tätiger in der Planung. Als treibende Kraft im Widerstand kann man ihn wohl getrost nicht bezeichnen. Auch gab nicht Olbricht nach dem Attentat wie geplant die Alarmbefehle heraus, sondern erst Oberst i.G. Mertz von Quirnheim hinter dem Rücken Olbrichts, während dieser wegen unklarer Informationen zu lange wartete und so ein schnellerer und vielleicht effizienterer Umsturz verhindert wurde [11].

Und daher stellt sich nun die Frage:

War Olbricht ein Widerstandskämpfer, den es in aller Form zu ehren gilt?

Seine oben genannten letzten Worte werden unterstützt von seinen Aussagen über rein nationalistische Motivation gegenüber seinem Schwiegersohn am 20. Juli:
„Meine Beweggründe zu dieser Handlungsweise sind getrieben von der unendlichen Sorge um unser Vaterland, um das Schicksal unseres Volkes. Der Führer bekommt politisch keinen Frieden, der Feind steht vor den Toren, militärisch ist die Situation nicht mehr zu meistern.“ [10]

Selbst wenn ihm auch der humanitäre Irrweg bewusst und gewahr wurde, was sich tatsächlich nicht aus seinen Aussagen entnehmen lässt, macht ihn das in Anbetracht seiner Leistungen und des Elends und Leids, das er als Stütze und Mittäter des Regimes bis dahin verstärkt hat, zu einem Menschen nach dem Plätze und Straßen benannt werden sollten, gar zu einem Menschen der höchste Ehren verdient? Oder allenfalls zu einem Menschen der vergeblich versuchte, Begangenes aus unterschiedlichsten Motiven heraus wieder „gut“ zu machen und dabei sowohl für sich selbst als auch seinem Vaterland einer Schmach zu entkommen? Geschehenes kann nicht ungeschehen gemacht werden. Das höchste Maß menschlicher Güte wäre zu verzeihen, aber nicht zu ehren. Und verzeihen können nicht wir Deutschen. Das steht uns schlicht nicht zu. Verzeihen können nur die Betroffenen.
Olbricht ist eine Randnotiz des Widerstands und ein privilegiertes Arschloch, Nationalist, Militarist, Niemand. Der 20. Juli, hochgepriesen und heroisiert, als wäre Hitler das alleinige Übel und nicht das Deutsche, der Nazi, die Nazis. Es ist ein leichtes, Hitler als das Übel zu betrachten, entbindet es doch die Deutsche Seele der Schuld, der Untätigkeit, Tätigkeit und kanalisiert sie auf eine kleine Riege Personen. Olbricht, jahrzehntelang ohne Entbehrungen, privilegiert, getrieben vor Sorge des drohenden Verlustes eben dieser komfortablen Lebensrealität bei der sich abzeichnenden Kriegslage. Auch wenn die heutige Zeit versucht uns eines Besseren zu lehren, Ämter wie die seinen verdient man mit Kompetenz, mitlaufender Treue und dem Willen des moralverlustigen Dienens und nicht kompetenzlos vollkommen aus Versehen. Eine Ehrung derartiger Menschen ist Hohn und Spott gegenüber allen gefallenen, vergewaltigten Pol_innen, allen Opfern und betroffenen eugenischer Maßnahmen, allen bis dahin Vertriebenen, zu Unmenschen degradierten.

Eine Ehrung ist immer auch moralischer Natur. Der Fakt einer Handlung kann nicht die Gesamtheit der Handlungen unbeachtet lassen. So gehört nicht nur die Beteiligung am Widerstand an sich, sondern auch die Motivation, der Mensch und sein Leben betrachtet. Olbricht war am Widerstand beteiligt, aber auch knallharter preußischer Militarist, überzeugter Nationalist und verurteilte das Regime nie für die Taten, die wir heute zum Glück für verurteilungswert halten.

Quellen

[1] https://www.dhm.de/lemo/biografie/friedrich-olbricht

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Olbricht

[3] Wentker, H. Der Widerstand gegen Hitler und der Krieg. Oder: Was bleibt vom „Aufstand des Gewissens“, 4-19., S. 16 ff

[4] https://www.deutschlandfunk.de/die-verteidigung-der-feigheit.1184.de.html?dram:article_id=185458

[5] https://www.dhm.de/lemo/biografie/biografie-friedrich-olbricht.html

[6] Winfried Heinemann – Unternehmen »Walküre«, S. 130 ff

[7] Wentker, H. Der Widerstand gegen Hitler und der Krieg. Oder: Was bleibt vom „Aufstand des Gewissens“, 4-19., S. 18 ff

[8] Winfried Heinemann – Unternehmen »Walküre«, S. 27

[9] https://www.linksfraktion.de/themen/nachrichten/detail/75-jahre-20-juli-1944/

[10] https://www.dhm.de/lemo/zeitzeugen/friedrich-georgi-20-juli-1944.html

[11] Winfried Heinemann – Unternehmen „Walküre“, S.202, S.226 ff